Einführungstext: Was geschah in St. Joachimsthal?

Entdeckungsreise durch die  Vergangenheit von  St. Joachimsthal  / Jáchymov

Die Bergstadt Sankt Joachimsthal (Jáchymov) im böhmischen Teil des Erzgebirges wurde zur Zeit des gog. Großen Berggeschreys, einer das ganze Ergbegirge umfassenden Silbergräbertimmung, im Jahre 1516 gegründet. Die Initiative für die Stadtgründung kam vom Grafen Stephan Schlik aus dem nahe gelegenen Schlackenwerth (Ostrov). In den folgenden Jahrzehnten entstand in Sankt Joachimsthal eines der tiefsten Bergwerke der damaligen Zeit. Die Ortsbevölkerung wuchs auf über 18.000 Menschen an – in Böhmen hatte damals nur die Hauptstadt Prag mehr Einwohner! Die Stadt wurde für seinen hier geprägten Silbertaler berühmt: den so genannten (Joachims-)Thaler, der auch bei der Benennung des amerikanischen Dollars Pate stand. Ungefähr 100 Jahre später wurde in Sankt Joachimsthal kaum noch Silber abgebaut. Nur in kleinerem Umfang wurden andere Eisenerze gefördert.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der Bergbau in den hiesigen Gruben erneut eine solche Blüte und das tschechoslowakische Jáchymov erneut ein solches Bevölkerungswachstum. Allerdings wurden seit 1939 in der Stadt nicht Münzmetalle gefördert, sondern Uran. Im Laufe der 1950er Jahre waren in Jáchymov insgesamt etwa 70.000 Bergleute tätig. Auf den Hügeln oberhalb der Stadt gab es Straf- und Arbeitslager für etwa 15.000 Männer, die zum Bergbau gezwungen wurden: Kriegsgefangene, so genannte Rebtributionshäftlinge, kriminelle sowie politische Häftlinge, die in mit Waffen bewachten Straflagern lebten. Damals war die ganze Gegend rund um Jáchymov ein Sperrgebiet, in das neben den Uranarbeitern aus den Lagern nur Ortsbewohner und Angestellte mit einem speziellen Ausweis hineingelassen wurden.

An die Zeit des Uranabbaus erinnert ein Lehrpfad mit dem Namen „Die Hölle von Jáchymov (Jáchymovské peklo)“. Er erläutert die jüngere und fernere Vergangenheit, denn ohne den Silberbergbau des 16. Jahrhunderts wäre unter Tage niemals Pechblende gefunden worden, die Substanz, aus der später das radioaktive Uran gewonnen wurde. Die Informationstafeln des Lehrpfades erzählen die Geschichte dieses bemerkenswerten Ortes und laden ein zur Wanderung in die Vergangenheit. Durch schöne Natur führt der Lehrpfad zu Orten, die an furchtbare menschliche Schicksale erinnern.

St. Joachimsthal / Jáchymov von 1939 bis heute

Während des Zweiten Weltkriegs, St. Joachimsthal war damals Teil des ans Deutsche Reich angeschlossenen Sudetenlands, wurde in den Gruben Uran für Forschungszwecke der deutschen Wehrmacht abgebaut. Bald nach Kriegsende, Jáchymov war nun wieder Teil der Tschechoslowakei, überließ die tschechoslowakische Regierung die Nutzung der damals weltweit einzigen bekannten geöffneten Uranlagerstätten der Sowjetunion. Denn diese benötigte schnellstmöglich Uran für die Forschung und Entwicklung einer Atomwaffe. Zu Beginn der 1960er Jahre wurde der Abbau des strategisch wichtigen Uranerzes schließlich beendet und im Umfeld der Bergwerke wurden Erholungseinrichtungen sowie Baum-Monokulturen angelegt. Seitdem geriet die Erinnerung an die Urangruben (gezielt) in Vergessenheit. Erst nach 1989, als das kommunistische Regime der Tschechoslowakei zusammengebrach, wurde die Erinnerung von ehemaligen politischen Häftlingen wiederbelebt. Zuvor war es nicht möglich gewesen, Einzelheiten über den Uranabbau bekanntzumachen oder anderweitig daran zu erinnern. In den 1990er Jahren initiierten der örtliche Bergmannsverein Barbora (Barbara), der Klub Tschechischer Wanderer sowie einige Zeitzeugen einen Lehrpfad entlang der Stätten ehemaliger Lager und Uranbergwerke. Im Jahr 2015 überarbeitete der ehrenamtliche Forscherverein „Političtí vězni.cz“ (Politische Häftlinge.cz) den Lehrpfad und stellte mithilfe von Spendengeldern aktualisierte Informationstafeln auf. Die Inhalte der Tafeln entsprechen den Webseiten www.jachymovskepeklo.cz, die mit den QR-Codes des Museums in Sokolov (Falknau) verlinkt sind. Dieses Museum betreibt auch das Bergbau-(Freilicht-)Museum „Stollen Nr. 1“, eine der Stationen des Lehrpfads.

Den Großteil der Arbeitskräfte in den Urangruben von Jáchymov bildeten nach Mai 1945 zunächst deutsche Kriegsgefangene sowie zivile Hilfsarbeiter. Letztere pendelten mit Bussen aus dem nahe gelegenen Karlovy Vary (Karlsbad) zur Arbeit in die Bergwerke und wurden für ihre erfüllten Arbeitsnormen fürstlich entlohnt, im Gegensatz zu den in den Lagern eingesperrten Häftlingen. Nach der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei im Jahr 1948 entwickelten sich tschechoslowakische Häftlinge zur wichtigsten Arbeitergruppe in den Urangruben. Seit den 1940er Jahren wurde in Joachimsthal/Jáchymov systematisch ein Lagerkomplex ausgebaut, der nach 1948 nach Vorbild der sowjetischen Gulags stark erweitert und perfektioniert wurde. In den örtlichen zwölf Straf- und Arbeitslagern waren zwischen den Jahren 1949–1961 insgesamt bis zu 70.000 Häftlinge untergebracht. Sie lebten in einfachen Baracken ohne Komfort, von denen sie fußläufig die Bergwerke erreichen konnten. Diese Unterbringungsform war dem Wunsch nach billigen Arbeitskräften mit einem möglichst kurzen Weg zum Arbeitsplatz geschuldet, nicht aber dem Bemühen, die Häftlingsbevölkerung in den Lagern zu vernichten, wie es in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern der Fall war. Doch die Insassen der Straf- und Arbeitslager von Jáchymov waren stets in Angst vor Gewaltanwendung. Dort herrschten derart harte Bedingungen, dass sich die politischen Häftlinge selbst „MUKL“ (muž určený k likvidaci) nannten. Diese Abkürzung heißt so viel wie „Zur Vernichtung bestimmter Mann“. Die Zeit ihrer Inhaftierung und Zwangsarbeit bezeichneten sie auch als „Hölle von Jáchymov“. Denn bei der täglichen Arbeit in den Gruben und an der Oberfläche kam es zu schweren Verletzungen, ansteckenden Krankheiten und Erkrankungen durch die radioaktive Strahlung. Das Ausmaß ihrer physischen und psychischen Gesundheitsbelastungen hat bislang niemand beziffert. Die politischen Häftlinge erhielten bei ihrer Entlassung lediglich einen lächerlichen geringen Lohn ausgezahlt. Erst nach 1989, falls sie so lange lebten, bekamen sie vom Staat eine Entschädigung in Form von Zuschlägen zur Rente.

Innerhalb von 15 Jahren wurden in Jáchymov knapp 8000 t Urankonzentrat (auch „Yellow Cake“ genannt) gefördert und an die Sowjetunion geliefert sowie mehr als 1100 km Stollen in den Berg gehauen. Die Tschechoslowakei erhielt für das geförderte und in die Sowjetunion exportierte Uran keine finanziellen Leistungen von den Sowjets, weder in den Jahren 1945-1960 noch später. Denn es gab ein geheimes Sowjetisch-tschechoslowakisches Abkommens über Uranlieferungen von Ende des Jahres 1945.  Auch im heutigen Jáchymov hat der ehemalige Uranabbau für die Bevölkerung und die Umwelt Folgen.

Häftlings- und Arbeitergruppen in Jáchymov nach dem Zweiten Weltkrieg :

Die Kriegsgefangenen, Häftlinge und Zwangsarbeiter im Uranbergbau von Jáchymov waren allesamt männlich. Aber auch die Partnerschaften und Familien der oftmals viele Jahre Inhaftierten litten daran beträchtlich.

Wichtige (Erinnerungs-)Orte in Jáchymov:

Zum Gedenken an alle politischen Häftlinge, die in den Urangruben um Jáchymov, Horní Slavkov und Příbram Zwangsarbeit leisten mussten, wurde im Jahr 1996 vor der Joachimsthaler  Kirche Sankt Joachim auf dem heutigen Platz der Republik der „Kreuzweg in die Freiheit“ errichtet. Er besteht aus Stehlen mit den Namen der Straf- und Arbeitslagern sowie der Hauptskulptur des tschechischen Bildhauers Roman Podrázský mit dem Titel „Tor zur Freiheit“. Sie stellt ein zerborstenes Gitter dar, an das auf den beiden Seiten eine Frau und ein Mann gelehnt sind. Die Initiative für den Kreuzweg, der ein Mahnmal für die Zeit der Unfreiheit sein soll, ging von der Konföderation politischer Häftlinge der Tschechischen Republik aus. Direkt am Kreuzweg findet jedes Jahr eine Gedenkfeier statt, die den gleichen Namen wie der Lehrpfad trägt: „Die Hölle von Jáchymov“. An diesem Mahnmal, der ersten Station des Lehrpfades, steht eine einführende Infotafel.

Die sogenannte Paleček-Burg ist ein gemauertes Modell einer mittelalterlichen Burg, die die Insassen des Lagers Rovnost (Gleichheit) zur Unterhaltung ihres sadistischen Lagerkommandanten František Paleček bauen mussten. Nach Aussagen politischer Häftlinge erschoss jener Kommandant mindestens vier Häftlinge bei Fluchtversuchen. Mit Freude habe er außerdem die im Lager inhaftierten Zeugen Jehovas mit stundenlangen Appellen bei Frost und Schnee gequält, da sie sich weigerten für Kriegszwecke Uran abzubauen. Das Burgmodell ist heute frei zugänglich und steht nahe der Station „Schacht und Lager Rovnost“. Die Paleček-Burg wurde zum Logo des erneuerten Lehrpfades.

Außerhalb der 8,5 km langen Strecke des aktuellen Lehrpfades gab es weitere Arbeitslager und Uranbergwerke: zum Beispiel die Gruben und Schächte Mariánská (Mariasorg), Barbora, Bratrství (Brüderlichkeit, ehemals: Stollen sächsischer Adliger) oder die Aufbereitungsanlage für Uranerz, die heute als „Nationales Kulturdenkmal Roter Turm des Todes“ (Deckname „L“) bekannt ist. Bei der Erzaufbereitung wurden die Häftlinge, vor allem Geistliche und andere politische Häftlinge, großen Mengen radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Denn im Roten Turm wurde das geförderte Material sortiert, zerkleinert und auf Eisenbahnwaggons verladen, die mehrmals pro Woche durch die ganze Tschechoslowakei in die Sowjetunion befördert wurden.